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Ärztemangel spitzt sich dramatisch zu – besonders auf dem Land und im Osten

4. Juli 2022

Bürger (81 Prozent) und Ärzte (89 Prozent) bewerten die Gesundheitsversorgung in Deutschland weiterhin positiv, die Corona-Pandemie hat jedoch viele Probleme offengelegt oder verschärft:

  • 29 Prozent der Bürger registrieren eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung, was insbesondere am zunehmenden Ärztemangel liegt: Insgesamt nimmt jeder Dritte diesen in seiner Region bereits wahr, in Ostdeutschland sogar mehr als die Hälfte
  • Von den Ärzten konstatieren 52 Prozent einen Ärztemangel; in strukturschwächeren Regionen sogar 76 Prozent
  • Die Bevölkerung klagt zudem über lange Wartezeiten (65 Prozent) und vorenthaltene Leistungen aus Kostengründen (38 Prozent); zudem befürchten 58 Prozent eine Zwei-Klassen-Medizin
  • Eine Öffnung der Versorgungsstrukturen für Kapitalinvestoren lehnen die meisten Ärzte ab (84 Prozent)
  • Weder Ärzte noch Bevölkerung trauen der Politik Lösungen zu; vielmehr befürchten sie, dass durch aktuelle Krisen notwendige Reformen aufgeschoben werden (Ärzte: 77 Prozent, Bevölkerung: 55 Prozent)

17 Milliarden Euro – auf diese Summe wurde das Finanzierungsloch für die Krankenkassen in Deutschland im kommenden Jahr beziffert. Trotz der jüngst verkündeten Maßnahmen zur Stärkung der Einnahmebasis ist die Finanzierung nicht das einzige Problem, das die Stabilität der Gesundheitsversorgung gefährdet: Der in vergangenen Jahren bereits eingesetzte Ärztemangel hat mittlerweile dramatische Ausmaße angenommen – dies konstatieren die Bevölkerung und nochmals extremer die Ärzte. Entsprechend häufen sich Klagen über lange Wartezeiten oder aus Kostengründen vorenthaltene Behandlungen sowie Schwachstellen, die von der Corona-Pandemie offengelegt oder verstärkt wurden. Geäußert werden zudem Bedenken, dass die bisherigen Erfahrungen aus der Pandemie nicht dazu genutzt werden, um das System besser aufzustellen. Vielmehr befürchten sowohl Ärzte als auch Bevölkerung, dass angesichts der derzeitigen parallelen Krisen die notwendigen Reformen nicht rechtzeitig angegangen werden. Zu diesen Kernergebnissen kommt der 11. MLP Gesundheitsreport. Die repräsentative Bevölkerungs- und Ärztebefragung im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP hat das Institut für Demoskopie Allensbach erstellt.

Positives Gesamturteil über die Gesundheitsversorgung – aber Corona-Pandemie hat Probleme offengelegt

Die aktuelle Gesundheitsversorgung in Deutschland wird weiterhin von einer großen Mehrheit sowohl der Bevölkerung (81 Prozent) als auch der Ärzte (89 Prozent) positiv bewertet. Allerdings hat aus Sicht der Ärzte die Corona-Pandemie eine Reihe politisch-organisatorischer Defizite offengelegt: So bemängeln gut vier von fünf Ärzten, dass bei der Bekämpfung der Pandemie vorhandene Daten nicht zusammengeführt und genutzt werden können, für einen fast ebenso großen Anteil ist die technische und personelle Ausstattung der Gesundheitsämter ein (sehr) großes Problem. Die Mediziner erwarten auch nicht, dass aus diesen offenkundigen Problemen Lehren gezogen werden und das Gesundheitssystem für zukünftige Krisen besser aufgestellt wird (57 Prozent). In der Bevölkerung geht nur jeder Dritte davon aus, dass man in den nächsten 10 Jahren für künftige gesundheitliche Krisen und Pandemien besser gerüstet sein wird.

Die ärztliche Versorgung ist schlechter geworden – aus Sicht gesetzlich Krankenversicherter


Trotz des insgesamt positiven Urteils über die Gesundheitsversorgung nimmt die Bevölkerung tendenziell eine Verschlechterung wahr (29 Prozent), demgegenüber ziehen nur 8 Prozent eine positivere Bilanz. Für 59 Prozent hat sich nicht viel geändert. Von Verschlechterungen berichten insbesondere die gesetzlich Krankenversicherten – rund jeder Dritte dieser Gruppe. Dagegen haben privat Krankenversicherte eher bessere Erfahrungen (11 Prozent) als schlechtere (5 Prozent) gemacht.

Ärztemangel nimmt in strukturschwächeren Regionen drastisch zu

Der Eindruck der Bevölkerung, die Qualität der ärztlichen Versorgung sei rückläufig, kommt auch daher, dass sie zunehmend einen Ärztemangel registriert. Aktuell nimmt gut jeder Dritte diesen in seiner Wohngegend wahr; weitere 18 Prozent rechnen damit in den kommenden Jahren. Dabei wird in strukturschwächeren Regionen deutlich häufiger von einem Ärztemangel berichtet. Allein in den letzten drei Jahren ist der Anteil in Städten bzw. Regionen mit unter 100.000 Einwohnern von 32 Prozent auf 47 Prozent drastisch angestiegen. Besonders stark betroffen ist zudem Ostdeutschland: Hier berichten 53 Prozent der Bevölkerung inzwischen von einem Ärztemangel (2019: 38 Prozent).

Aus Sicht der niedergelassenen Ärzte zeigt sich der Ärztemangel noch ausgeprägter: Der Anteil derer, die diesen in der eigenen Region wahrnehmen, ist von 41 Prozent im Jahr 2019 auf aktuell 52 Prozent deutlich angestiegen. Überdurchschnittlich groß ist dieser Anteil mit 76 Prozent in strukturschwächeren Regionen. Insgesamt registrieren 46 Prozent der niedergelassenen Ärzte persönliche Auswirkungen des Ärztemangels, d. h. sie müssen deshalb mehr Patienten versorgen. Fast drei Viertel der Ärzte in Städten und Regionen mit unter 100.000 Einwohnern berichten von einer dadurch steigenden Arbeitsbelastung, wobei Hausärzte insgesamt deutlich häufiger betroffen sind als Fachärzte.

In den kommenden Jahren ist mit einer weiteren Verschärfung des Ärztemangels zu rechnen. Denn auch die Schwierigkeiten niedergelassener Ärzte, Nachfolger für die eigene Praxis zu finden, haben zugenommen. Derzeit schätzen es 68 Prozent der niedergelassenen Ärzte als (sehr) schwierig ein, einen Nachfolger zu finden. Hausärzte sehen sich dabei sehr viel häufiger mit (potenziellen) Problemen konfrontiert als Fachärzte und Ärzte in strukturschwächeren Regionen deutlich häufiger als Ärzte in urbanen Zentren.

Gleichzeitig ist der Anteil der Krankenhausärzte, für die eine Niederlassung infrage käme, im Vergleich zu früher wieder angestiegen (2022: 46 Prozent; 2019: 37 Prozent). Dies würde den Ärztemangel jedoch nur verlagern, denn: Auch in den Krankenhäusern hat sich das Problem weiter verstärkt. Aktuell geben 57 Prozent der Krankenhausärzte an, dass in der eigenen Klinik ein Ärztemangel herrscht, weitere 23 Prozent erwarten diesen in den nächsten Jahren.

In vielen Praxen und Krankenhäusern fehlt Fachpersonal, die Besetzung offener Stellen ist schwierig

Personelle Engpässe im Gesundheitssystem sind aber nicht nur bei Ärzten festzustellen, sondern auch beim medizinischen Fachpersonal in Arztpraxen und im pflegerischen Bereich in den Krankenhäusern. Mehr als jede fünfte Arztpraxis (22 Prozent) ist unterbesetzt; hinzu kommen Probleme, offene Stellen zu besetzen (73 Prozent). 2016 wurden diese Probleme noch deutlich seltener wahrgenommen (59 Prozent). Dramatischer ist die Situation in Krankenhäusern: Vier von fünf Ärzten berichten, dass im eigenen Krankenhaus Pflegepersonal fehlt. Auch hier hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verschlechtert: Aktuell schätzen 89 Prozent der Krankenhausärzte es als (sehr) schwierig ein, offene Stellen zu besetzen (2016: 72 Prozent).

Während der Corona-Pandemie hat sich die Personalsituation bei den Pflegekräften durch Kündigungen in 32 Prozent der Krankenhäuser (sehr) stark verschlechtert. Davon waren Krankenhäuser der Schwerpunkt- und Maximalversorgung deutlich stärker betroffen als Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung. Dass sich die Situation nach Ende der Pandemie wieder verbessern wird, erwarten weder niedergelassene Ärzte noch Krankenhausärzte, im Gegenteil: Beide Gruppen gehen eher von einer weiteren Verschärfung der Situation aus. Als Gegenmaßnahme ist es aus Sicht von Krankenhausärzten mit Abstand am wichtigsten, für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen, und Pflegekräften z. B. mehr Zeit für jeden Patienten zu geben (79 Prozent). Niedergelassene Ärzte finden am wichtigsten, verstärkt für den Krankenpflegeberuf zu werben (54 Prozent).

Bevölkerung berichtet mehrheitlich von langen Wartezeiten für Arzttermine

In ihrer Tätigkeit sehen sich Ärzte auch jenseits der Herausforderungen durch die Pandemie zahlreichen Schwierigkeiten ausgesetzt. Nach wie vor sehr verbreitet berichten Ärzte von Zeitmangel (41 Prozent). Auf der anderen Seite beklagen Patienten lange Wartezeiten für einen Arzttermin: Rund zwei Drittel mussten in den vergangenen ein, zwei Jahren lange auf einen Termin beim Arzt warten, darunter 43 Prozent, denen das mehrmals so ging. Mit 70 Prozent sind vor allem gesetzlich Versicherte betroffen (privat Versicherte: 36 Prozent). Bei immerhin 75 Prozent der niedergelassenen Ärzte ist ihnen zufolge eine Terminvergabe in der Regel innerhalb von vier Wochen möglich, also dem Zeitraum, innerhalb dessen Patienten das Recht auf einen Termin bei einem Facharzt haben. Allerdings ist dieser Anteil seit 2019 (82 Prozent) zurückgegangen.

Schließlich beklagen Ärzte nach wie vor, bei der Behandlung von Patienten nicht nach rein therapeutischen Gesichtspunkten entscheiden zu können: Durch den Kostendruck im Gesundheitswesen sieht die Mehrheit der Ärzte ihre Therapiefreiheit als Arzt infrage gestellt. In der Bevölkerung ist gleichzeitig der Anteil derer gewachsen, die das Gefühl haben, dass ihnen aus Kostengründen schon eine bestimmte Behandlung oder ein bestimmtes Medikament vorenthalten wurde – von 34 Prozent in 2019 auf aktuell 38 Prozent. Rund die Hälfte der Bevölkerung gibt an, dass sie in den vergangenen Jahren eine Behandlung selbst bezahlen musste, weil die Krankenkasse die Leistung nicht übernommen hat; bei 29 Prozent war das sogar mehrmals der Fall.

Weitverbreitete Sorgen wegen Zwei-Klassen-Medizin

Trotz beeindruckender medizinischer Fortschritte und Erfolge in vielen Bereichen – etwa der schnellen Entwicklung neuartiger Impfstoffe zur Bekämpfung der Corona-Pandemie – blicken sowohl die Bevölkerung als auch die Ärzte eher pessimistisch in die Zukunft: Gut ein Drittel der Bevölkerung geht davon aus, dass sich die Gesundheitsversorgung in Deutschland in den nächsten 10 Jahren etwas oder sogar deutlich verschlechtern wird. Von der Ärzteschaft erwarten dies sogar knapp zwei Drittel.

Jeweils deutliche Mehrheiten der Bevölkerung rechnen mit steigenden Beiträgen bei der gesetzlichen Krankenversicherung (86 Prozent) und damit, dass die Folgen von Corona das Gesundheitssystem noch lange belasten werden (71 Prozent). Zudem geht die Bevölkerung mehrheitlich davon aus, dass Patienten mehr Kosten selbst werden tragen müssen, z. B. für Arztbesuche, Medikamente oder Operationen (57 Prozent) und dass es immer mehr zu einer Zwei-Klassen-Medizin kommen wird (58 Prozent). Von der Ärzteschaft erwartet dies ein ähnlicher Anteil (60 Prozent). Zudem befürchten sie, künftig nicht mehr alle medizinisch notwendigen Leistungen verordnen zu können (74 Prozent) und dass eine Gesundheitsversorgung auf dem heutigen Niveau nicht mehr für alle gewährleistet sein wird (66 Prozent).

Ärzte sehen Einstieg von Kapitalinvestoren kritisch

Eine recht neue Entwicklung im Gesundheitswesen ist der Einstieg von Kapitalinvestoren in z. B. medizinische Versorgungszentren oder größere Arztpraxen. Ärzte sehen diesen Trend jedoch skeptisch: 84 Prozent lehnen eine Öffnung der Versorgungstrukturen für Investoren ab, lediglich 10 Prozent befürworten diese. Hauptgründe für die Ablehnung sind die Befürchtungen, dass wirtschaftliche Erwägungen eine zu große Rolle bei der Behandlung von Patienten spielen könnten (83 Prozent) und dass die Versorgung im ländlichen Raum durch die Fokussierung der Investoren auf Ballungsgebiete weiter leiden würde (67 Prozent).

Wenig Vertrauen in Regierung

Dass die Regierung die mittel- und langfristigen Herausforderungen des Gesundheitssystems angeht, bezweifeln knapp zwei Drittel der Ärzte. Insbesondere sind die Befürchtungen groß, die derzeitigen parallelen Krisen würden dazu führen, dass notwendige Reformen nicht rechtzeitig angegangen werden (Ärzte: 77 Prozent, Bevölkerung: 55 Prozent). „Eine Art ‚Reform-Blockade‘ wäre für die langfristige Überlebensfähigkeit unseres Gesundheitssystem jedoch verheerend. Vielmehr muss die Regierung ernsthafte Zukunftsvorsorge betreiben – gerade auch mit Blick auf die nachfolgenden Generationen. Dazu gehört auch eine ergebnisoffene Diskussion über die Ausgabenseite, also darüber, was das staatliche Gesundheitswesen in Zukunft noch alles leisten soll und wie diese Leistungen effizient organisiert und erbracht werden“, sagt Dr. Uwe Schroeder-Wildberg, Vorstandsvorsitzender von MLP.

Insgesamt haben Ärzte und Bevölkerung von der Gesundheitspolitik der Bundesregierung ein tendenziell negatives und eher blasses Bild: 26 Prozent der Bevölkerung haben einen guten, 33 Prozent keinen guten Eindruck. Die übrigen 41 Prozent geben kein Urteil ab – im Vergleich zu den Vorjahren der höchste Anteil. Noch ausgeprägter zeigt sich dieses Bild bei den Ärzten: 28 Prozent, die einen guten Eindruck haben, stehen 39 Prozent mit einem schlechten gegenüber. Mit 33 Prozent zeigt sich ein deutlich größerer Anteil als in den vorangehenden Untersuchungen in dieser Frage unentschieden. Der Gesundheitspolitik der Regierung fehlt es in der Wahrnehmung der Ärzteschaft offenbar auch an Profil.

Quelle: mlp-se.de
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