Beatmete Patienten haben die Chance ihre verlorene Zeit wiederzufinden

2. Juli 2019

Krankenpfleger Michael Hellmann hat im Rahmen seiner Weiterbildung das Beatmungstagebuch auf den Weg gebracht. Vor vier Jahren liest Michael Hellmann, Krankenpfleger auf der Intensivstation im St. Franziskus-Hospital Ahlen, das erste Mal über Peter Nydals Aufruf zur Studienteilnahme mit einem Beatmungstagebuch. Gesucht werden Pflegende, die ein Beatmungstagebuch für sedierte und beatmete Patienten (mit-)entwickeln und es praktisch anwenden.

Das lässt Michael Hellmann nicht mehr los. Im Rahmen seiner Fachweiterbildung zur Intensiv- und Anästhesiepflege entwickelt er als Projekt ein Beatmungstagebuch für die Patienten der Intensivstation im Ahlener Krankenhaus. "Es ist etwas so Einfaches und Geniales, was unseren Patienten ganz viel Erleichterung nach ihrer Sedierungs- und Beatmungszeit bringen kann. Zielgruppe sind ausschließlich Patienten, die länger als 3 Tage beatmet werden, " so Hellmann weiter.

Seine Fachweiterbildung als Intensiv- und Anästhesiefachkraft leistet er seit Ende 2017. Im Dezember dieses Jahres wird er diese voraussichtlich abgeschlossen haben. Derzeit ist er auf der Intensivstation der Neurologie in der Uniklinik Münster einsetzt. Dieser externe Krankenhaus-Einsatz dauert insgesamt drei Monate und gehört zur Weiterbildung dazu. Dazu findet jeweils einmal im Monat eine Woche Theorie an der Fachweiterbildungsschule statt. Die Fachweiterbildung ist von Stundenzahl und Umfang her vergleichbar mit der Meisterausbildung in handwerklichen Berufen. Wenn er den Krankenhausvergleich zieht, dann schätzt er die familiäre Atmosphäre am Ahlener Krankenhaus. "Ich sehe Pflege seit dieser Ausbildung ganz anders! Der Input ist einfach vielfältig. Ich möchte meine neuen Erfahrungen nach der Weiterbildung auf der Intensivstation einbringen.", zieht Michael Hellmann ein kleines Fazit.

Auch sein Weitbildungsprojekt ist schon im Einsatz. Seit Ende April wird sein Beatmungstagebuch auf der Intensivstation des St. Franziskus-Hospital Ahlen eingesetzt. Das Tagebuch wird ab dem dritten Tag ausgehändigt und von Pflegekräften, Ärzten, Physiotherapeuten und am liebsten überwiegend von Angehörigen geführt. Kurz und knackig werden dort die wichtigsten und persönlichen Ereignisse des Tages festgehalten. Behandlungen, Behandlungszustände des Patienten, persönliche Eindrücke des Tages, Gefühle und Ereignisse von Angehörigen können dort notiert werden. Nur auf Diagnosen soll verzichtet werden.

Melanie Hackbarth ist eine der ersten der Angehörigen, die das Tagebuch getestet haben und berichtet begeistert: "Mein Schlüsselerlebnis war direkt nach den ersten geschriebenen Worten. Meine ganzen Emotionen kamen während des Schreibens zum Vorschein und das hat mir einfach sehr geholfen mit dem Krankheitszustand meines Vaters umzugehen. Mein Vater ist mittlerweile in der Reha und ihm dient das Beamtmungstagebuch jetzt als Orientierungshilfe, um seine Lücken, die aufgrund der Sedierung auf der Intensivstation hatte, zu schließen. Ihn haben die Worte, die Gedanken und die von uns aufgeschriebenen Besuche, ganz viel bedeutet. Ich finde dieses Buch ein wunderbares Hilfsmittel!"

Maximal fünf Minuten Zeitaufwand sind für den täglichen Eintrag nötig. Da Angehörige meistens besser über die Interessen der erkrankten Person Bescheid wissen, wünscht sich Initiator Hellmann, dass es auch überwiegend von ihnen geführt wird. Sie seien als stellvertretende Tagebuchführung für den Patienten zu sehen. Gemalte Bilder und Fotos sind ausdrücklich erwünscht. Alles was dazu beiträgt dem Patienten die Zeit und die Situation während seiner Bewusstlosigkeit zu rekonstruieren sei hilfreich. In Skandinavien wurde das Beatmungstagebuch auf vielen Intensivstationen bereits als therapeutisches Instrument etabliert.

Hintergrund und auch Motivation für die Einführung des Beatmungstagebuchs ist, dass zahlreiche Beatmungspatienten nach ihrer Entlassung von der Intensivstation später über Alpträume und Stress klagen. Sie äußern Erinnerungen und Träume, die sie nicht verstehen können und die ihre Lebensqualität deutlich schmälern (Stichwort: posttraumatisches Stresssyndrom PTSD).

Ziel von Michael Hellmann ist, das Beatmungstagebuch auch in Zukunft im Haus als Standard zu etablieren und damit vielen Patienten Hilfe zur Verarbeitung der kritischen Krankheitsphase zu leisten.

Quelle: sfh-ahlen.de
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