Die Woche 37 | 2018 – Herausforderung Altwerden

Seit 1994 ist die Verweildauer in deutschen Krankenhäusern kontinuierlich gesunken. Lag sie laut Statistischem Bundesamt damals bei durchschnittlich 12,7 Tagen, werden Patienten jetzt schon nach 6,7 Tagen (destatis, 2016) entlassen. Das liegt daran, dass die gesetzlichen Krankenkassen mit der Einführung der Fallpauschale nicht mehr pro Tag bezahlen, sondern pauschal je nach Krankheit. Die Krankenhäuser haben also grundsätzlich ein wirtschaftliches Interesse daran, Patienten schneller zu entlassen.

Das wirft im Bereich des Versorgungsmanagements große Probleme auf. Denn nicht jeder Patient, dessen Versorgungsauftrag im Krankenhaus regulär beendet wurde, ist auch in der Lage im Anschluss an den stationären Aufenthalt seine Versorgung sicher zu stellen. In diesen Fällen tritt immer mehr die Dependenzpflege ein. Das sind Laien in Gestalt eines Angehörigen oder gemochten Mitmenschen, deren Ziel es ist den Selbstpflegebedarf des Betroffenen zu erfüllen.

Doch wer keine Angehörigen oder Freunde hat, die während dieser Zeit einspringen, stößt an seine Grenzen. Denn entsprechende Leistungen der Pflegeversicherung werden erst bewilligt, wenn die Pflegebedürftigkeit länger als sechs Monate besteht. Das ist nach einem Krankenhausaufenthalt beziehungsweise einer ambulanten medizinischen Behandlung oft jedoch nicht der Fall. Denn diese Patienten benötigen in den meisten Fällen nur kurzfristig Unterstützung. Diese Hilfe bekommen sie aber oft nicht, weil entsprechende gesetzliche Bestimmungen zu unkonkret sind oder am Bedarf vorbeigehen.

Immer häufiger herrscht die Situation einer unvorbereiteten Entlassung aus der Klinik, was zur Folge hat, dass ein erhöhtes Risiko der Rehospitalisierung kurz nach dem stationären Aufenthalt besteht. Vermehrte Krankenhausaufenthalte stellen pflegebedürftige geriatrische Patientinnen und Patienten und ihre Angehörige oftmals vor große Herausforderungen, da sie mit Veränderungen der gesamten Krankheitssituation und auch häufig mit neu auftretenden Versorgungsanforderungen konfrontiert werden, die im häuslichen Umfeld nicht zwingend besser werden.

Was nutzen uns also veraltete bestehende Versorgungsgesetze, wenn diese nur immer wieder zum Ausdruck bringen, dass wir Lichtjahre hinterherhinken. Diagnosen wie eine Alzheimer Demenz oder eine plötzliche Vollversorgung lassen sich nicht allein mit einem Sozialarbeiter bewältigen. Wer möchte, dass der Mensch, der einem wichtig ist rundum gut versorgt ist, muss dank gesundheitspolitischer Kurzsicht erst einmal mühsam jeden Stein aus dem Weg räumen, der auf dessen Weg liegt. Finanzierung, Terminierung, Nichtaufnahme in ein Pflegeheim auf Grund von Isolierung, Befristung, Bevorzugung, Ablehnung. Dazu kommt, dass Familien in der heutigen Zeit nur noch selten im Mehrgenerationenhaus beisammen wohnen. Kinder ziehen weg, um eine der vielen sich bietenden beruflichen Optionen zu ergreifen und Freunde, denen man einen pflegerischen Aufwand zumuten würde, sind dann meist selbst nicht mehr in der Lage für derartige Herausforderungen. Wem also meinen Menschen anvertrauen, wenn ich selbst nicht kontinuierlich vor Ort sein kann? Auch wenn es uns vielleicht selbst auch noch nicht persönlich betroffen hat: 44 Prozent mehr Pflegebedürftige bis zum Jahr 2035, so lautet das Fazit einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Da sollten die Pläne der Bundesregierung schon dreimal nicht so kurzsichtig erstellt werden, doch genau das ist leider der Fall.

Besser frühzeitig in Weitsicht üben, wenn man sich im Falle des Falles nur auf ein minimales Netzwerk verlassen kann.

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Quelle: Sophie Kühnhausen - medinfoweb.de
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