Qualitätssicherung rückt in den Fokus

5. September 2012

In den letzten zehn Jahren ist die medizinische Qualitätssicherung von der Mehrzahl der deutschen Krankenhäuser als Last empfunden worden.Gleichzeitig haben es die privaten Krankenhauskonzerne geschafft, dieses Thema durch ihre verschiedenen Initiativen (IQM und 4QD) maßgeblich zu gestalten und für sich zu besetzen. Auch wenn mittlerweile kommunale und freigemeinnützige Krankenhäuser Mitglieder in den Initiativen vertreten sind, haben die Privaten eine Vorreiterrolle. Natürlich steht hinter diesem Engagement der Marketinggedanke, aber auch ein starkes Interesse dieses Thema aktiv zu gestalten. Denn auch hier gilt, wer im Bremswagen sitzt, kann die Richtung des Zuges nicht bestimmen.

Besondere Bedeutung erlangt auch der Bereich der gesetzlichen Qualitätssicherung.Den meisten Geschäftsführern ist noch gar nicht bewusst, dass dieses Thema auch eine Managementaufgabe ist. Wer jetzt nicht handelt, wirdschnell ins Abseits geraten. Daher gilt es, den Prozess der Qualitätssicherung aktiv zu steuern.

Der Mix macht’s
Der G-BA und das beauftragte Aqua-Institut habenaufgrund der Vorgaben des Expertenausschusses und des Bundesversicherungsamtes die Vorgabe erhalten die QS zu verschlanken. Daher werden ab 2014 die Routinedaten auf Basis von Abrechnungsdaten (§ 21 KHEntgG) verbindlichen Einzug in die QS nach §137 SGB V erhalten. Dies hat den Vorteil, dass sich der Dokumentationsaufwand erheblich reduziert.
Die jahrelange Auseinandersetzung mit dem Thema im Krankenhausalltag und in der Beratung zeigt aber, dass in vielen Krankenhäusern beide Prozesse sowohl inhaltlich als auch organisatorisch komplett von einander entkoppelt sind. Widersprüche sind daher systemimmanent. Es ist für Krankenhäuser zwingend die Dokumentation für die Abrechnung und die Kodierung eng miteinander zu verknüpfen und beide Datensätze zu verproben.In den Abrechnungsdatensätzen sind aber viele Informationen nicht enthalten, die für die QS relevant sind, so dass man weiterhin Verfahren wie die externe Qualitätssicherung benötigt.

Vorsicht Falle!
Gerade die Mengenentwicklung in der Endoprothetik ist den Kassen ein Dorn im Auge und sie fordern eine strengere Prüfung der Indikation. Die schlechte Dokumentation der Krankenhäuser macht es den Kostenträgern auch sehr leicht. So veröffentlichtfast jedes dritte deutsche Krankenhaus in seinem eigenen Qualitätsbericht, dass im Leistungsbereich „Elektive Hüft-Prothesen-Erstimplantation“ die Indikationsstellung in mehr als 10% der behandelten Fälle nicht den Anforderungen entspricht. Ein größeres Einfalltor kann man den Kostenträgern wahrlich nicht bieten.

Ausredefehlende Risikoadjustierung
Immer wieder wird kritisiert, dass die Risikoadjustierung in der QS unzureichend ist und besondere Patientenklientel nicht berücksichtigt werden kann. Dieses Argument wird auch häufig im Krankenhaus genutzt, um sich mit den Aspekten nicht auseinander zu setzen. In der Praxis bestätigt sich dies lediglich in Einzelfällen und auch nur in Fachabteilung mit besonderen Versorgungsschwerpunkten. Bei der Mehrzahl der Krankenhäuser zeigt sich aber, dass das Leistungsspektrum nicht herausragend von anderen Abteilungen abweicht. Die Theorie vieler Kliniker, dass alle schweren Fälle in der Region nur im eigenen Krankenhaus behandelt werden, ist bei genauer Datenanalyse in der Regel nicht haltbar.

Risikoadjustierung
Das Aqua-Institut hat für die Risikoadjustierung spezifische Qualitätsindikatoren entwickelt bzw. bestehende modifiziert. Für die einzelnen Leistungsbereiche werden relevante Faktoren, wie z.B. Alter oder auch Geschlecht ermittelt. Auf Basis dieser Faktoren werden für die einzelnen Krankenhäuser Erwartungswerte errechnet.So entsteht faktisch einhausindividueller Zielwert inkl. einer Grenze, ab wann ein Qualitätsindikator als auffällig gilt.Aus methodischer Sicht ist dieses Vorgehen zu begrüßen.Gleichzeitig werden die Auswertungen immer komplexer und somit auch die Kommunikation von Auffälligkeiten.Krankenhäuser sind gut beraten, neben den bisherigen Auswertungen sich auch mit diesen Analysen zu beschäftigen. Spätestens wenn auch diese Ergebnisse im Qualitätsbericht auftauchen und die Kostenträger dies in den Budgetverhandlungen thematisieren, müssen Krankenhäuser Antworten auf vorhandenen Auffälligkeiten geben können.

Auswirkungen der Skandale in der Transplantationsmedizin
Die aktuellen Entwicklungen haben den G-BA veranlasst, die QS-Anforderungen an die Transplantationsmedizin zu verschärfen. In Zukunft besteht für alle Transplantationen eine 100% Dokumentationspflicht inkl. follow-up. Gleichzeitig wird die Sanktion für fehlende Dokumentation um den Faktor 16,7 erhöht. Ab sofort müssen Krankenhäuser für jeden nicht gemeldet QS-Fall im Bereich Transplantationen eine Strafzahlung von 2.500 € leisten. Dieses Beispiel zeigt, wie schnell das Thema Qualität in seinen verschiedenen Facetten eine neue Dimension bekommen kann.Bisher unkritische Leistungsbereiche können jederzeit eine solche Entwicklung nehmen. Das öffentliche Interesse und die Tagespresse können in wenigen Wochen eine neue Qualitätsebene und schärfere Sanktionen schaffen.

Aufgrund der aktuellen Diskussion zur Mengenausweitung und Indikationsstellung bei wirbelsäulenchirurgischen Eingriffe (aber auch elektive Hüft und Knie-TEP), ist es aus Sicht von ANDREE CONSULT nur noch eine Frage der Zeit, wann hier die Selbstverwaltung die Zügel anziehen wird.

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Jörg Blaesius
Geschäftsbereichsleiter Betriebsorganisation und Prozesse

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Quelle: ANDREE CONSULT
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