HELIOS

Stralsunder Intensivmedizin feiert 50-jähriges Bestehen

6. Mai 2022

Damals wie heute: Ein starkes Team, das berufsübergreifend auf Augenhöhe zusammenarbeitet – das macht die Stralsunder Intensivmedizin seit 50 Jahren aus. Doch eines hat sich radikal verändert: die Medizin. Denn die hat heute fast nichts mehr mit den Anfängen zu tun.

Not macht erfinderisch. Was in vielen Bereichen der ehemaligen DDR galt, machte selbst in der Medizin nicht halt. „Es gab damals kaum Vorbilder, an denen wir uns bei der Ausrichtung der Intensivmedizin orientieren konnten“, sagt heute eine, die von Anfang an dabei war. Dr. Anett Grünert war Oberärztin auf der Intensivstation und ihre gesamte Berufslaufbahn dem Klinikum treu. „Auch heute hängt mein Herz an der Klinik. Stralsund ist meine Heimat“, sagt die 78-Jährige. Denn ursprünglich stammt sie aus Thüringen. Doch nach dem Studium hat es sie und ihren Mann zum Hanseklinikum verschlagen. Ein Glücksfall – für alle Seiten.

1972: Gründung der Stralsunder Intensivmedizin

Als sich Dr. Grünert als Assistenzärztin 1969 für das Hanseklinikum entscheidet, steckt die Anästhesie und Intensivmedizin noch in den Kinderschuhen. Erst zwei Jahre zuvor hatte Dr. Rudolf Schmerso als erster Facharzt für Anästhesie eine selbstständige Anästhesieabteilung im Krankenhaus „Am Sund“ mit zwei Fachärzt:innen und drei Ausbildungsassistent:innen etabliert.

Mit Dr. Margarete Huyoff begann die Geschichte der Stralsunder Intensivmedizin. Unter ihrer chefärztlichen Leitung, der Oberärztin Dr. Gloris, einer Assistenzärztin und ca. zehn Schwestern eröffnete die Station am 2. Mai 1972 mit fünf Betten als interdisziplinäre Einheit. Eine kleine Revolution. Zwar gab es im Hanseklinikum bereits verteilte Wachstationen, aber keine zentrale, interdisziplinäre Intensivstation (ITS). Stralsund sei in dieser Hinsicht Vorreiter in Vorpommern gewesen, sagt Dr. Grünert. Heute ist die ITS ein Aushängeschild für die Hansestadt, die sich hinter keiner universitären ITS zu verstecken braucht.

Später erweiterte die Station auf zehn Betten und seit 2003 bis heute auf 30. Mit der Erweiterung erfolgte auch der Umzug in den neu geschaffenen Klinikanbau im Krankenhaus am Sund. Zuvor befand sich die Station im Bereich der heutigen überregional zertifizierten Stroke Unit mit dem wahrscheinlich schönsten Blick auf den Strelasund.

Großes Leistungsspektrum

„Ich kann mich noch gut an unseren ersten Patienten erinnern“, weiß Dr. Grünert. Es sei ein Mann aus Leipzig gewesen, der bewusstlos mit einer Tablettenvergiftung eingeliefert wurde. Mit den Jahren veränderten sich aber auch die behandelten Krankheitsbilder. „Früher haben wir neben chirurgischen, unfallchirurgischen und internistischen Notfällen, auch Verbrennungen, seltene Infektionskrankheiten oder Tetanus behandelt. Das ist heute undenkbar“, verdeutlicht die ehemalige Oberärztin den medizinischen Fortschritt. Dr. Jörg Werner, seit 2006 Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin, stimmt zu: „Verbrennungen werden heute nur erstversorgt und dann in spezialisierten Kliniken zum Beispiel in Berlin weiterbehandelt. Ansonsten decken wir im Erwachsenenbereich fast das gesamte Spektrum ab.“

Die Wende

Mit der Deutschen Einheit kam der technische Aufschwung und neue medizinische Geräte nach Stralsund. Und zehn Jahre später mit Dr. Hartung auch ein neuer Chefarzt. Beatmungs- und Überwachungsgeräte seien technisch schon viel ausgereifter und interessanter gewesen, erklärt Dr. Grünert. „Wir haben immer viel in anderen Kliniken hospitiert, um das bestmögliche in Stralsund anzubieten. Das Besondere an dem Fachgebiet ist, dass jeder auf jeden angewiesen ist. Ohne gute Pflegekräfte waren wir als Ärzte schon damals aufgeschmissen.“ Das sei trotz 50 Jahren Veränderung gleichgeblieben, macht Dr. Werner deutlich. „Es herrscht sehr große Kollegialität und Einsatzbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir haben uns mit den Jahren ein starkes und zuverlässiges Team aufgebaut, bei dem berufsübergreifend jeder für den anderen einsteht. Das macht mich auch stolz.“

Gerade in einem Bereich, in dem so viele unterschiedliche Erkrankungen behandelt werden, müssen Abläufe Hand in Hand funktionieren, um medizinische Qualität auf höchstem Niveau anzubieten. Nur so gelang es der Intensivstation und Anästhesie rund um die Uhr ein Reanimationsteam aufzustellen, heute als einziges Cardiac Arrest Center (einem Spezialbereich für reanimierte Personen) in Mecklenburg-Vorpommern zertifiziert zu sein, zwei Herz-Lungen-Maschinen (ECMO) zu betreiben und sich immer weiter zu entwickeln. Das ist maßgeblich für die Zeit ab 2005/2006. „Das Leistungsspektrum hat sich in diesem Zeitraum radikal verändert und erweitert“, erklärt Chefarzt Werner. „Mit neuen ärztlichen Kollegen hielten regelmäßig neue komplexe Eingriffe wie Leber-OP, aber auch andere große onkologische Operationen, in Stralsund Einzug.“

Abschied nach fast 40 Jahren

Dr. Grünert beendete ihren Dienst 2007 nach fast 40 Jahren am Hanseklinikum. Ihr folgte Stephan Liebert als Oberarzt. „Ich erinnere mich gern zurück“, sagt Dr. Grünert. „Jede Zeit hatte ihre schönen Momente und durch ein gutes Team hatten wir viel Freude an der Arbeit.“ Der durfte trotz der intensiven und anstrengenden Arbeit nicht zu kurz kommen – auch heute nicht.

Heute obliegt die Leitung der Intensivstation einem multiprofessionellen Team von Oberärzten und Pflegekräften. Durch eine Menge Einsatzbereitschaft und Zusammenhalt wurde ein breites Leistungsspektrum aufgebaut. 2015 wurden der internistische und der operative Intensivbereich als interdisziplinäres Zentrum unter Leitung der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin zusammengelegt. In Zusammenarbeit mit der Klinik für Pulmologie kann seit 2019 außerdem eine spezialisierte Beatmungsentwöhnung (Weaning) angeboten werden. Egal ob Herzinfarkt, Lungenversagen, Magenblutung, unklare Bewusstlosigkeit, Polytraumen, psychiatrische Notfälle, Vergiftungen, Versorgung nach aufwendigen Operationen und nicht zuletzt die schwer erkrankten Corona-Patienten – die Expertise wächst ständig. Das sei das Besondere an der interdisziplinären Ausrichtung. „Das Fachgebiet ist unglaublich abwechslungsreich und damit auch für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter attraktiv, weil es eine steile Lernkurve bietet und man nach der Ausbildung praktisch für alles gerüstet ist“, erläutert der Chefarzt.

Quelle: helios-gesundheit.de
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