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Was für ein Arzt will ich sein

20. April 2022

Das Medizinstudium vermittelt Fachwissen und praktische Fertigkeiten – hohe Erwartungen haben Patienten, Kollegen und die Gesellschaft auch an das Verantwortungsbewusstsein und die Integrität von Ärztinnen und Ärzten. Mit einem neuen langfristigen Lehrangebot zur ärztlichen Professionalitätsentwicklung will das Universitätsklinikum Jena die Entwicklung eines wissenschaftlichen und beruflichen Ethos unterstützen.

„Was für eine Ärztin oder ein Arzt möchte ich später einmal sein? Und wie kann ich das erreichen?“ Um diese komplexe und oft auch persönliche Frage geht es in den Seminaren von ‚LongProf‘, wenn sich Medizin-Studierende mit ihrer professionsbezogenen Entwicklung auseinandersetzen. Das ‚Longitudinale Curriculum zur Ärztlichen Professionalitätsentwicklung‘ befindet sich zurzeit in der Pilotphase und ist auf zwei Jahre angelegt. Die Lehrangebote richten sich an die Studierenden im Klinischen Abschnitt ab dem fünften Fachsemester, die werden zurzeit von sechs ärztlichen und zwei psychologischen Lehrenden moderiert. Die Gesamtkoordination übernimmt das Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Jena. 

„Im Medizinstudium steht zunächst das Fachliche im Vordergrund: Die Studierenden lernen Fakten, verstehen Zusammenhänge und trainieren praktische Tätigkeiten – und das oft in vielen Einzelkursen mit jeweils anderen Lehrenden. Aspekte, die über die fachliche Expertise hinausgehen, aber für die berufliche Persönlichkeit wesentlich sind, werden oftmals nur punktuell oder implizit vermittelt“, so der Leiter des Projektes, Dr. Sven Schulz. Solche Aspekte will LongProf ansprechen, zum Beispiel die Verantwortungsübernahme und Autonomie des Arztes, den Umgang mit Fehlern, auch den eigenen Fehlern, die Schaden-Nutzen-Abwägung oder das Spannungsfeld von Patientenwohl und Ökonomie.

„Das geht schon ans Eingemachte“, wie es eine Teilnehmerin des Auftaktseminars ausdrückte. Der Kurs startete im Wintersemester mit 20 Studierenden. Gemeinsam mit dem LongProf-Team nähern sie sich mit vielfältigen Methoden wie Biographie-Arbeit, Gruppenreflexion und Rollenspielen den großen Themen. Dabei werden fünf Handlungs- und Beziehungsebenen der zukünftigen Ärztinnen und Ärzte berücksichtigt: die zur Patientin, die zu sich selbst als Arzt, im Team, im Gesundheitssystem und die Verantwortung für und in unserer Gesellschaft. Die Erfahrungen und Bedürfnisse der Studierenden werden hier aktiv mit den Lehrangeboten verknüpft und bilden die Basis für die eigene Professionalitätsentwicklung.

Der Psychologe Dr. Jens Rißmann betont: „Wir wollen auch zur Selbstreflexion und Selbstfürsorge anregen, zum Nachdenken über persönliche und berufliche Befürchtungen und Erwartungen. Dabei gehen wir auch auf die Anregungen und Erfahrungen der Studierenden ein.“ In einem wöchentlichen Mentoringangebot können die Studierenden engeren Kontakt zu einer Ärztin oder einem Arzt knüpfen, den sie nicht nur als Kardiologen oder Chirurgin kennenlernen, sondern in erster Linie als Gesprächspartnerin und Begleiter der beruflichen Entwicklung.

Im April startet das Pilotprojekt in sein zweites Semester – Hauptthemen werden die ärztliche und die Patientenautonomie sein sowie Achtsamkeit und Resilienz. Neben dem unmittelbaren Feedback der Teilnehmenden plant das Projektteam eine umfassende qualitative und quantitative Evaluierung für den gesamten Kurs mit dem Ziel, das Lehrangebot langfristig im Medizinstudium zu verankern. „Wir wollen die Studierenden darin unterstützen, eigene Überzeugungen und Werte für ärztliches Handeln herauszubilden und sich zu einer ärztlichen Persönlichkeit zu entwickeln. Mit einer solchen Förderung der Professionalität könnte das Jenaer Medizinstudium bundesweit eine Vorreiterrolle einnehmen“, betont Prof. Dr. Jutta Bleidorn, Direktorin des Jenaer Instituts für Allgemeinmedizin.

Quelle: uniklinikum-jena.de
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