Wie Infektionen eingedämmt werden können

29. Juni 2011

Infektionsschutzgesetz: Hygieneexperten rechnen mit 500 Mio. zusätzlichen Personalkosten pro Jahr

Es klingt so einfach: Würde das Personal in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeheimen konsequent hygienisch arbeiten, könnten 100 Prozent der nosokomialen Infektionen vermieden werden – Darauf wies kürzlich Professor Walter Popp hin, Leiter der Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Essen. Will man die Forderungen aus dem Gesetz zur Verbesserung der Krankenhaushygiene konsequent umsetzen, braucht es vor allem qualifiziertes Personal, darüber sind sich führende Hygieneexperten einig. Rund 3.370 Fachkräfte werden sofort benötigt, hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft errechnet. Bis dieser Mangel behoben ist, wird es aber noch Jahre dauern. Wie es gelingen kann, schon heute die Infektionsrate erheblich zu senken, lässt sich in einer Dialysepraxis im österreichischen Judenburg beobachten. Der leitende Arzt Dr. Helmut Katschnig hat eine außergewöhnliche Methode zur Sammlung und Desinfektion von medizinischen Abfällen entwickelt. Das System, das auf spezieller Mikrowellentechnologie basiert, wird inzwischen in medizinischen Einrichtungen weltweit eingesetzt.

30.000 Todesfälle pro Jahr infolge von nosokomialen Infektionen – mit dieser Zahl erschütterten vor einigen Wochen die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin sowie der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitswesens in einer gemeinsamen Stellungnahme. Damit widersprachen sie der von der Bundesregierung genannten Zahl von 7.500 bis 15.000 verstorbenen Patienten. Grund für die Diskrepanz sei die primäre Erfassung der Device-assoziierten Infektionen. Dabei stellen einige der vernachlässigten Erreger, etwa die Clostridium difficile und die Norovirus-Infektionen, heutzutage einen erheblichen Anteil der tödlichen Ansteckungen. Bei den Berechnungen der Bundesregierung wurden zudem nur die Infektionen in Krankenhäusern berücksichtigt, wobei andere medizinische Einrichtungen wie Arztpraxen und auch Pflegeheime nicht in der Statistik auftauchten.

Vor-Ort-Abfalldesinfektion als Bestandteil eines sicheren Hygienesystems

Der österreichische Arzt für Innere Medizin und Nephrologie Dr. Helmut Katschnig leitet seit 28 Jahren eine Praxis in Judenburg. Mehr als 300.000 Dialysebehandlungen wurden hier bereits durchgeführt. Dennoch ist bis heute keine einzige Cross-Infektion weder bei Patienten noch bei Mitarbeitern aufgetreten. „Hygiene kann nur bis zu einem gewissen Maß verordnet werden. Worauf es ankommt, ist die anerzogene Grundeinstellung jedes Einzelnen“, sagt Dr. Katschnig aus Erfahrung. „Alle Mitarbeiter, von der Reinigungsfachkraft bis zum Leiter, müssen Hygiene leben und das entsprechende Verhalten automatisiert haben.“ Die wichtigsten Leitlinien in seiner Praxis lauten daher „Non-Kontaminationsstrategie“ und „Quellenbegrenzung des Infektionsrisikos“. Sie besagen, dass einerseits niemand mit kontaminiertem Abfall in Berührung kommen darf und andererseits, dass kein potentiell infektiöser Abfall den medizinischen Bereich verlassen soll.

Damit diese Regeln auch im alltäglichen Praxisstress einfach eingehalten werden können, entwickelte Dr. Katschnig vor einigen Jahren eine spezielle Methode zur Abfallsammlung und Vor-Ort-Abfalldesinfektion: Im ersten Schritt werden alle anfallenden Abfälle in stichfesten, flüssigkeitsdichten und wieder verwendbaren Behältern gesammelt, die sich dank eines Fußhebels berührungslos öffnen lassen. Anschließend stellt man den gefüllten Behälter in ein so genanntes Medister-Desinfektionsgerät, das sich in der Praxis selbst befindet. In diesem Gerät wird das Material dann befeuchtet und mittels Mikrowellen von innen heraus auf 97 bis 100 Grad Celsius erhitzt. Innerhalb von 45 Minuten werden so alle Bakterien der Resistenzstufen I bis IV abgetötet, wie auch Virenarten, vegetative Keime wie E.Coli (EHEC), Staphylokokken, Milzbrand- und Typhuserreger, Sporen des Milzbrandbazillus sowie Parasiten und Pilze jeglicher Art.

Immer mehr resistente und besonders gefährliche Keime zwingen zur Prophylaxe

Anschließend können die unschädlichen Abfälle umweltschonend und gesetzeskonform wie Hausmüll entsorgt werden. Dieses „Even-Heat“-Verfahren, das das Infektionsrisiko schon an seiner Quelle begrenzt, hat sich Dr. Katschnig patentieren lassen. Unter dem Namen „Meteka“ gründete er ein Unternehmen, um die Geräte zu entwickeln, produzieren und international zu vertreiben. Inzwischen sind bereits rund 400 Maschinen weltweit im Einsatz. Gerade in Krankenhäusern, in denen die Menschen aufgrund ihrer Ansteckungsgefahr isoliert werden, wird es immer wichtiger, dass auch der infektiöse Abfall nicht nach draußen gelangt. „Ein sachgemäßes Abfallmanagement muss ein Bestandteil eines verantwortungsbewussten Hygienesystems sein, das beim Patienten beginnt und bei der Abfallendentsorgung endet“, erklärt Dr. Katschnig. Mit einem Medister 160 HF-Desinfektionsgerät kann auf diese Weise der gesamte potentiell infektiöse Abfall eines 300-Betten-Krankenhauses innerhalb von acht Stunden dekontaminiert werden. Die Desinfektionskosten belaufen sich dabei nur auf umgerechnet cirka zehn Cent pro Kilogramm Material.

„Vor allem im Hinblick auf die steigende Zahl an resistenten Keimen und unbehandelbaren Erregern bleiben den Ärzten nur umfangreiche Prophylaxemaßnahmen“, so Dr. Katschnig. Das neue Hygienegesetz sei daher ein erster wichtiger Schritt, ist er überzeugt. Worauf es nun noch ankomme, sei eine bessere Stellung der Hygienefachleute in allen medizinischen Bereichen: „Hygieniker haben immer noch zu wenig Weisungs- und Sanktionsbefugnis. Wenn die Regeln nicht eingehalten werden, muss dies für die Verursacher auch Konsequenzen haben.“ Ein Grund für die mangelnde Wertschätzung sei, dass die Einhaltung von strengen Hygienemaßnahmen bei aller Wichtigkeit unspektakulär und aus wirtschaftlicher Sicht eine oft undankbare Zielsetzung sei. „Die offizielle Regelung kann aber nun dazu beitragen, dass dem Thema Hygiene endlich mehr Aufmerksamkeit zuteil wird.“

Hintergrund:
Der gebürtige Österreicher Dr. Helmut Katschnig ist Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie und als Hygieneexperte für die Firma Meteka zuständig. Hauptberuflich leitet Dr. Katschnig die beiden zertifizierten Dialysezentren in Judenburg und Mödling. In diesem Zusammenhang hat der Arzt auch ein Buch mit dem Titel „Den Jahren Leben geben – Erfülltes Leben mit Dialyse“ verfasst. Durch zusätzlich erworbene Diplome in Krankenhaushygiene und Ernährungsmedizin ist Dr. Katschnig stets darum bemüht, seine bewusste Lebensweise an seine Patienten weiterzugeben.

Die 1987 von Dr. Katschnig gegründete Meteka GmbH hat sich auf die Entwicklung, die Produktion und den Vertrieb von Hygiene- und Infektionsvermeidungssystemen spezialisiert. Diese Systeme desinfizieren beziehungsweise sterilisieren (potentiell) infektiöse Abfälle und Abwässer in Arztpraxen, Krankenhäusern, Laboren sowie Produktions- und Forschungseinrichtungen weltweit. Behandelt werden die Abfälle mittels eines thermischen Verfahrens, das auf spezieller Mikrowellentechnologie basiert. So soll Infektionen vor Ort vorgebeugt und verhindert werden, dass sie sich in den öffentlichen Raum verlagern. Die Firma gehört zu den führenden Anbietern von Systemlösungen zur Desinfektion und Sterilisation von infektiösen Abfällen und Abwässern. Am Firmensitz im österreichischen Judenburg sind 15 Mitarbeiter beschäftigt.


Quelle: Meteka
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