Herzerkrankungen und soziale Ungleichheit treiben vermeidbare Sterberate in Deutschland nach oben

Baden-Württemberg hat im Bundesvergleich wenige medizinisch vermeidbare Todesfälle, liegt aber deutlich über den Raten benachbarter Regionen in der Schweiz und Frankreich. Herzerkrankungen, soziale Ungleichheit und fehlende Prävention gelten als Hauptursachen…

22. Juli 2026
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Baden-Württemberg schneidet im deutschlandweiten Vergleich bei medizinisch vermeidbaren Todesfällen verhältnismäßig gut ab, bleibt aber deutlich hinter benachbarten Regionen der Schweiz und Frankreichs zurück. Das zeigt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung gemeinsam mit den Universitäten Groningen und Oldenburg, die Sterbedaten aus zehn europäischen Ländern für den Zeitraum 2002 bis 2019 ausgewertet hat. Als medizinisch vermeidbar gelten darin Todesfälle von unter 75-Jährigen, die durch frühere oder angemessenere Behandlung hätten verhindert werden können.

Die häufigste Ursache in Baden-Württemberg wie auch bundesweit ist die Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße. Kardiologe Martin Halle, Professor an der TU München, nennt das Fehlen verbindlicher Überweisungsstrukturen als einen Faktor. Anders als etwa in Spanien können Patienten in Deutschland ohne Hausarztbesuch direkt zum Facharzt gehen, was eine kontinuierliche Beobachtung von Risikofaktoren erschwert. Hinzu kommt laut Halle eine gesellschaftliche Debatte über Cholesterin, die trotz eindeutiger wissenschaftlicher Befundlage dazu beiträgt, dass Risikofaktoren nicht konsequent ernst genommen werden.

Regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands hängen eng mit sozialen und wirtschaftlichen Faktoren zusammen. Bevölkerungsforscher Michael Mühlichen verweist auf Einkommen, Bildungsniveau und Beschäftigungsstabilität als relevante Einflussgrößen. Menschen mit geringerem sozioökonomischem Status suchen seltener Fachärzte auf und zeigen häufiger gesundheitsriskantes Verhalten. Auch die Infrastruktur spielt eine Rolle. Spezialkliniken sind für Krebspatienten teils mehrere hundert Kilometer entfernt, was viele aus Kosten- und Familiengründen von einer optimalen Behandlung abhält.

Kardiologe Norbert Frey, ärztlicher Direktor der Kardiologie am Klinikum Heidelberg, weist auf geschlechtsspezifische Klischees hin. Herzinfarktsymptome bei Frauen würden seltener erkannt, weil das Bild des typischen Herzpatienten männlich geprägt sei. Er empfiehlt, den gesetzlich verankerten Gesundheits-Check-up beim Hausarzt zu nutzen, der für gesetzlich Versicherte zwischen 18 und 34 Jahren einmalig und ab 35 Jahren alle drei Jahre kostenlos verfügbar ist.

Gesundheitsforscherin Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum kritisiert die Mittelverteilung im System. Frühe Prävention sei wirksamer als späte Reparaturmedizin. Der langfristige Trend in Europa ist positiv, die Lebenserwartung steigt und vermeidbare Todesfälle nehmen insgesamt ab. Die Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern blieben jedoch konstant.

Quelle:
swr.de

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