Infektiologie ignoriert Geschlechterunterschiede: Frauen erhalten lebensrettende Antibiotika deutlich später

In Infektiologie und Krankenhaushygiene werden biologische Geschlechterunterschiede bei Diagnostik, Therapie und KI-Systemen kaum berücksichtigt – mit Folgen für Diagnosequalität und Patientensicherheit…

3. Juni 2026
  • Medizin
  • QM

Frauen erhalten bei schweren Infektionen lebensrettende Antibiotika deutlich später als Männer. Das ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck struktureller Verzerrungen, die sich laut Prof. Dr. Irit Nachtigall, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH, durch die gesamte Versorgungskette ziehen.

Diagnostische Frühwarnsysteme wie qSOFA oder NEWS2 wurden überwiegend an männlichen Probanden entwickelt. Medikamentendosierungen sind selten geschlechtsspezifisch validiert. Frauen werden seltener mikrobiologisch untersucht. Hinzu kommt: Frauen zeigen niedrigere CRP- und Procalcitonin-Werte, was die Diagnose erschwert.

Auch KI-Systeme reproduzieren diese Ungleichheiten. Wenn Modelle zur Sepsis-Erkennung überwiegend mit männlich dominierten Datensätzen trainiert wurden, erkennen sie weibliche Krankheitsverläufe schlechter. Diagnosen werden verzögert oder übersehen. Nachtigall warnt zudem, dass nicht nur Frauen unterdiagnostiziert sein könnten, sondern Männer möglicherweise zu früh erkannt und damit überversorgt werden.

Nachtigall benennt fünf Handlungsfelder: geschlechtsspezifische Diagnostik und Surveillance, differenzierte Impfstrategien, geschlechtersensible Patientenaufklärung, gezielte Schulung des medizinischen Personals sowie die Integration des biologischen Geschlechts in Studiendesigns. Geschlechtersensible Infektiologie sei, so Nachtigall, kein Zusatz, sondern Voraussetzung für Präzision, Qualität und Patientensicherheit.

Quelle:
aok.de

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