Pflegemissstände: Gesundheitsökonom warnt vor „Kontrollproblem“ im System

Pflegemissstände in einer bayerischen Rehaklinik sorgen für Aufsehen und Gesundheitsökonom Stefan Sell warnt: Das ist kein Einzelfall. Grund sei ein zersplittertes Kontrollsystem aus Medizinischem Dienst und Heimaufsicht, das kaum belastbare Zahlen zu Pflegemissständen liefert und Prüfungen oft nur angekündigt und aktenbasiert stattfinden lässt. Welche strukturellen Lücken das offenlegt und was Einrichtungen jetzt tun sollten…

27. August 2026
  • Pflege
  • QM

Lange Wartezeiten nach dem Klingelruf, unversorgte Wunden, ausbleibende Medikamentengabe, mangelhafte Verpflegung bis hin zu starkem Gewichtsverlust: Diese Vorwürfe erheben Angehörige und Betroffene aktuell gegen eine geriatrische Rehaklinik im bayerischen Bruckmühl, aufgedeckt durch Recherchen des Bayerischen Rundfunks. Die Betreiber weisen die Vorwürfe zurück, eine abschließende Bewertung des Einzelfalls steht noch aus. Für Gesundheitsökonom Stefan Sell (Universität Koblenz) ist jedoch klar: Pflegemissstände dieser Art sind kein Ausreißer, sondern Symptom eines strukturellen Kontrollproblems im deutschen Gesundheits- und Pflegewesen.

Pflegemissstände treffen überproportional ältere Patienten

Sell unterscheidet im Interview mit dem Deutschlandfunk zwei Versorgungsbereiche, die regelmäßig von Missständen betroffen sind: geriatrische Rehakliniken wie im aktuellen Fall sowie die klassische stationäre Langzeitpflege, also Pflegeheime. Beide Bereiche eint, dass fast immer ältere Menschen die Leidtragenden sind. Nach Einschätzung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers handelt es sich dabei um ein wiederkehrendes Muster und nicht um isolierte Vorfälle.

Warum es keine bundesweiten Zahlen zu Pflegemissständen gibt

Eine seriöse Quantifizierung, wie oft die Gesundheit von Patientinnen und Patienten durch Pflegemissstände tatsächlich gefährdet wird, ist laut Sell derzeit nicht möglich. Recherchen zu Pflegemissständen und Pflegenotstand fördern zwar zahlreiche Einzelfallberichte zutage, ergeben aber kein repräsentatives Bild – viele Einrichtungen arbeiten auch unter schwierigen Bedingungen nachweislich gut.

Der eigentliche Grund für die fehlende Datenlage liegt laut Sell in einem zersplitterten Kontrollsystem: Zuständig sind zum einen die Medizinischen Dienste (MD) der Krankenkassen, zum anderen die kommunale Heimaufsicht bei Landkreisen und kreisfreien Städten. Beide Instanzen prüfen unabhängig voneinander, ein Datenaustausch zwischen ihnen ist nicht vorgesehen. Je nach Landkreis kümmern sich mitunter nur ein oder zwei Personen um eine Vielzahl von Einrichtungen – entsprechend gering fällt die Kontrolldichte aus.

Angekündigte Prüfungen: Wenn vor allem Akten kontrolliert werden

Ein weiterer struktureller Schwachpunkt: Prüfungen finden in der Praxis überwiegend angekündigt statt und beschränken sich häufig auf die Durchsicht von Dokumentation und Akten – nicht auf den tatsächlichen Zustand von Patientinnen, Patienten oder Pflegepersonal vor Ort. Sell bestätigt diese Beschreibung als weitgehend zutreffenden Regelfall, nicht als Ausnahme.

Unangekündigte Kontrollen durch die Heimaufsicht sind zwar vorgesehen, finden aber überwiegend anlassbezogen statt, also nach konkreten Beschwerden – und setzen ausreichend Personal bei den zuständigen Behörden voraus, an dem es vielerorts mangelt. In der Praxis werden Pflegemissstände deshalb seltener durch offizielle Prüfverfahren aufgedeckt als durch Whistleblower aus der Belegschaft, aufmerksame Angehörige und kritische Medienberichterstattung.

Private Träger, Renditedruck und Pflegemissstände: Kein Automatismus

Der Träger der Rehaklinik in Bruckmühl ist ein Finanzinvestor. Ein Umstand, der die Diskussion um Gewinnorientierung im Gesundheitswesen erneut befeuert. Sell stellt jedoch klar: Ein gewisser Gewinn ist für den wirtschaftlichen Betrieb jeder Einrichtung notwendig und per se kein Problem. Kritisch sieht er allerdings die verbreitete „Buy-and-Build“-Strategie bestimmter Private-Equity-Gesellschaften, bei der Einrichtungen aufgekauft, nach Effizienzkriterien umstrukturiert und nach wenigen Jahren gewinnbringend weiterverkauft werden.

Zugleich warnt der Gesundheitsökonom vor einem Trugschluss: Pflegemissstände seien keineswegs auf privat-gewerbliche oder gewinnorientierte Träger beschränkt. Auch gemeinnützige und öffentliche Einrichtungen sind betroffen. Laut Statistischem Bundesamt befindet sich jedoch der Großteil der Reha-Betten in Deutschland ohnehin bereits in privater Trägerschaft.

Was sich ändern müsste

Punktuelle, angekündigte Prüfungen allein werden das strukturelle Problem nach Einschätzung von Sell nicht lösen. Stattdessen brauche es ein genaueres und engmaschigeres Hinsehen vor Ort, durch Angehörige ebenso wie durch die Kommunen, in denen die betroffenen Einrichtungen ansässig sind. Für die Gesundheitsbranche liegt darin auch ein Auftrag an Qualitätsmanagement und Controlling: Transparente interne Kontrollmechanismen und eine offene Fehlerkultur gewinnen an Bedeutung, wenn die externe Aufsicht strukturell an ihre Grenzen stößt.

Fazit

Der Fall der Rehaklinik in Bruckmühl macht ein branchenweites Problem sichtbar: Pflegemissstände lassen sich mangels bundesweiter Statistik nicht seriös beziffern, weil Medizinischer Dienst und Heimaufsicht getrennt und unterbesetzt agieren und Prüfungen oft nur angekündigt und aktenbasiert erfolgen. Für Kliniken, Pflegeeinrichtungen und ihre Träger bedeutet das: Wer Pflegemissstände wirksam verhindern will, kann sich nicht auf punktuelle externe Kontrollen verlassen, sondern muss selbst in robuste interne Qualitätssicherung investieren.


Quellen: Interview mit Stefan Sell, geführt von Sarah Zerback, Deutschlandfunk: deutschlandfunk.de Zur Person: Stefan Sell (Wikipedia)

Quelle:
deutschlandfunk.de

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