Geriatrie in der Krise: Warum Deutschland seine Altersmedizin grundlegend reformieren muss
Geriatrische Versorgung in Deutschland ist trotz wachsendem Bedarf strukturell unterfinanziert, akademisch schwach verankert und flächendeckend unzureichend. Experten fordern grundlegende Reformen…
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Ein strukturelles Problem mit wachsendem Ausmaß
In einem Expertenpapier kommen alle deutschen Geriatrie-Lehrstuhlinhaber:innen sowie der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) zu dem Schluss, dass das deutsche Gesundheitssystem strukturell nicht ausreichend auf die Versorgung älterer, multimorbider Menschen vorbereitet ist. Es folgt einem linearen Krankheitsverständnis, bei dem einzelne Diagnosen behandelt werden, funktionelle Einschränkungen, psychosoziale Faktoren und individuelle Patientenziele jedoch zu wenig berücksichtigt werden. So kann eine medizinisch erfolgreich behandelte Pneumonie bei einem vorerkrankten älteren Menschen dennoch zu einem dauerhaften Verlust der Selbstständigkeit führen, etwa durch Inaktivität, Mangelernährung oder ein Delir. In Deutschland werden jährlich rund 700.000 Frakturen stationär behandelt, viele davon infolge von Stürzen, die durch eine geriatrische Abklärung teils vermeidbar gewesen wären.
Versorgungsstruktur: regional ungleich, flächendeckend unzureichend
Nur rund 40 Prozent der Krankenhausstandorte verfügen über ein geriatrisches Versorgungsangebot. Bundesweit gibt es 357 akutstationäre geriatrische Einrichtungen mit 19.865 Betten sowie rund 170 Rehabilitationseinrichtungen mit etwa 9.000 Betten (Stand: 2024). Die Versorgungsstruktur unterscheidet sich stark zwischen den Bundesländern. Die meisten Bundesländer verfolgen ein zweistufiges Modell aus Akutbehandlung und anschließender Rehabilitation. Sechs Länder, darunter Berlin, Hamburg und Hessen, setzen hingegen auf ein einstufiges Konzept. Eine regionale Unterversorgung besteht vor allem in einigen ostdeutschen Bundesländern. Die Autoren fordern, dass eine geriatrische Klinik bundesweit innerhalb von 30 Minuten und eine Rehabilitationsklinik innerhalb von 45 Minuten erreichbar sein muss.
Finanzierung: DRG als Bremse statt Treiber
Das DRG-Vergütungssystem hat die Geriatrie zwar strukturell etabliert, wirkt aber zugleich als Innovationsbremse. Die durchschnittliche Verweildauer geriatrischer Patienten hat sich auf exakt 14 Tage eingependelt, die Mindestverweildauer für die Abrechnung nach OPS-Ziffer 8-550.x. Längere Aufenthalte oder zusätzliche Leistungen bringen keine höheren Erlöse. Die Folge: Viele geriatrische Angebote beschränken sich auf das vorgeschriebene Mindestmaß. Auch das Finanzierungssystem der Rehabilitation gilt als wenig ausdifferenziert. Pauschale Tagessätze bilden weder die tatsächliche Fallkomplexität noch den konkreten Therapieaufwand ab. Mehrere Kliniken haben bereits geschlossen oder ihr Angebot reduziert. Die Autoren fordern eine Vergütung, die Multimorbidität, funktionelle Einschränkungen und geriatrische Syndrome adäquat abbildet.
Fachkräftemangel: quantitativ und strukturell
Die Geriatrie gilt als besonders personalintensives Fachgebiet und ist daher stark vom Fachkräftemangel betroffen. Laut aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2024 verfügen lediglich 3.828 Mediziner:innen über die geriatrische Zusatzbezeichnung. Dies entspricht einem Anstieg von 7,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der wachsende Bedarf kann damit jedoch nicht gedeckt werden. Die Altersstruktur der DGG-Mitglieder verschärft das Problem: Die Mehrheit ist zwischen 41 und 60 Jahre alt, fast ein Drittel ist über 61 Jahre. Nur 197 Mitglieder sind zwischen 28 und 40 Jahre alt. In nahezu allen EU-Staaten kann man Facharzt für Geriatrie werden, in Deutschland beschränkt sich die Weiterbildung in fast allen Bundesländern auf eine Zusatzweiterbildung von aktuell 18, künftig 24 Monaten. Der Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie kann derzeit nur in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt erworben werden. Beim Ärztetag 2026 in Hannover wurde die Musterweiterbildungsordnung auf 24 Monate angepasst, was eine EU-Anerkennung künftig ermöglichen könnte. Auch in Pflege- und Therapieberufen fehlen Fachkräfte. Neue Berufsprofile wie Advanced Practice Nursing (APN) werden als mögliche Ergänzung diskutiert.
Evidenz: Was geriatrische Versorgung nachweislich leistet
Zahlreiche Metaanalysen und systematische Übersichtsarbeiten belegen, dass sich die Gesundheit älterer Menschen durch multiprofessionelle Behandlungsmodelle deutlich verbessert. Das sogenannte „Comprehensive Geriatric Assessment“ (CGA) gilt international als besonders wirksam. Es hilft dabei, Selbstständigkeit länger zu erhalten, Pflegebedürftigkeit zu verzögern und Krankenhausaufenthalte zu verkürzen. Für Deutschland zeigen Studien, dass die geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung (GFK) die funktionellen Fähigkeiten verbessert und die Verweildauer verkürzt. In der Alterstraumatologie zeigt eine große deutsche Studie, dass die 30-Tage-Mortalität in Krankenhäusern mit geriatrischen Abteilungen um 22 Prozent niedriger ist als bei rein unfallchirurgischer Versorgung. In Deutschland sind mehr als 190 Alterstraumazentren durch die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie zertifiziert.
Einsamkeit, Ageismus und soziale Dimension
Einsamkeit und soziale Isolation betreffen regelmäßig rund 20 bis 30 Prozent der älteren Menschen und gelten zunehmend als die „neuen geriatrischen Giganten”. Ihr gesundheitliches Risikopotenzial ist mit klassischen Risikofaktoren wie Rauchen oder Adipositas vergleichbar. Metaanalysen berichten von einem um 29 Prozent erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten und einem um 32 Prozent höheren Schlaganfallrisiko bei sozial isolierten Menschen. Parallel dazu ist Ageismus, die Diskriminierung aufgrund des Alters, auch in der Medizin strukturell verankert. Beschwerden werden als „normal fürs Alter” abgetan, ältere Patienten sind in Studien unterrepräsentiert und Leitlinien basieren häufig auf Daten jüngerer Menschen. Die Geriatrie setzt dem das „4Ms“-Konzept entgegen: What Matters, Medication, Mentation und Mobility.
Digitalisierung: Ergänzung, kein Ersatz
Digitale Technologien wie Ambient Assisted Living, Telemedizin, klinische Software und Robotik eröffnen neue Möglichkeiten. Sie können jedoch die menschliche Zuwendung nicht ersetzen. Elektronische Patientenakten sollten neben Diagnosen auch funktionelle, kognitive und soziale Aspekte abbilden. Telemedizin eignet sich besonders für das Case Finding und die Einleitung geriatrischer Interventionen. Das in Israel und den USA bereits erfolgreich praktizierte Hospital-at-Home-Konzept kombiniert geriatrische Expertise mit telemedizinischer Unterstützung im häuslichen Umfeld. Entscheidend ist eine patientenzentrierte Entwicklung: Technologien müssen einfach, sicher und benutzerfreundlich sein.
Zehn Forderungen für eine zukunftsfähige Altersmedizin
Die Autoren formulieren zehn zentrale Forderungen: Prävention von Stürzen, Funktionsverlust und sozialer Isolation, Selbstständigkeit und Teilhabe als Leitprinzipien, geriatrisches Assessment als Versorgungsstandard, multiprofessionelle Teams als Pflichtstruktur, flächendeckende ambulante geriatrische Zentren, Stärkung von Rehabilitation und mobiler Versorgung, Überwindung von Sektorengrenzen, komplexitätsorientierte Finanzierung, stärkere Verankerung in Forschung und Lehre sowie eine funktions- und patientenorientierte Digitalisierung. Als übergeordnetes Ziel fordern sie die Gründung eines Deutschen Zentrums für Altersmedizin, das Geroscience, klinische Geriatrie und Versorgungsforschung verbindet.
Quelle: „Geriatrie gestaltet Zukunft“, Z Gerontol Geriat 2026 · 59:406–419, https://doi.org/10.1007/s00391-026-02628-4
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