‚Kritische Würdigung‘ der fünften Stellungnahme der Regierungskommission Krankenhaus: Potenzialanalyse verzerrt die Versorgungsqualität

Expertenstab veröffentlicht Ergebnisse aus „kritischer Würdigung“ der fünften Stellungnahme der Regierungskommission Krankenhaus und kommt zu dem Ergebnis: Potenzialanalyse verzerrt die Versorgungsqualität an deutschen Kliniken

4. August 2023
  • Politik

Expertenstab veröffentlicht Ergebnisse aus „kritischer Würdigung“ der fünften Stellungnahme der Regierungskommission Krankenhaus und kommt zu dem Ergebnis: Potenzialanalyse verzerrt die Versorgungsqualität an deutschen Kliniken

Am gestrigen Donnerstag hat ein Expertenstab, bestehend aus einem freien Zusammenschluss der Healthcare-Spezialisten Prof. Erika Raab, Dr. Ulf Dennler, Nicole Eisenmenger und Dr. Dirk Elmhorst in einer presseöffentlichen Webkonferenz die „Fünfte Stellungnahme der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung zur Verbesserung von Qualität und Sicherheit der Gesundheitsversorgung“ kritisch gewürdigt. Ausgangsbasis hiervon bildet die heute veröffentlichte und im Rahmen der Webkonferenz präsentierte wissenschaftliche Untersuchung von Klinikgeschäftsführerin und Medizincontrollerin Prof. Erika Raab. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass die fünfte Stellungnahme keine aussagekräftigen Rückschlüsse auf die praktische Behandlungsqualität in deutschen Kliniken zulässt.

Prof. Erika Raab, Professorin für Medizincontrolling an der Medical School Hamburg sowie Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Medizincontrolling e.V. (DGfM) und Geschäftsführerin der Kreisklinik Groß-Gerau, sagt: „Die fünfte Stellungnahme der Regierungskommission beruht auf einem oberflächlichen Studienprofil. Die ausgewählten Daten sind viel zu eng gefasst und basieren auf veralteten Untersuchungen. Dazu kommt, dass umfassende und bereits für Kliniken geltende Qualitätsprüfungen und -sicherungen komplett missachtet wurden.“

„Wenn bei einer Analyse zu möglicherweise vermeidbaren Todesfällen keine Rücksicht auf Palliativbehandlungen und Patientenverfügungen genommen wird – dann verlagert die Regierungskommission die notwendige Diskussion über Versorgungsqualität auf eine realitätsfremde Ebene. Dabei sollte der Patientenwille stärker im Fokus von Qualitätsdebatten stehen“, so Prof. Erika Raab weiter.

Dr. Ulf Dennler, Mitglied des Präsidiums der DGfM sowie Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin und Leiter der Stabsstelle Datengestütztes Krankenhausmanagement am Universitätsklinikum Würzburg, sagt: „Medizin entwickelt sich in Bezug auf medizinisch-technischen Fortschritt, Qualitätssicherung und Ethik hochdynamisch. Durchschnittsbetrachtungen über lange Zeiträume ohne Beachtung der Trends verfälschen das Potential zukünftiger Entwicklungen.“

Anhand der Erfahrungswerte aus dem Medizincontrolling, der Versorgungsforschung und der Behandlungspraxis zeigten die Teilnehmer die Grenzen retrospektiver Analysen für die gesundheitspolitischen Anforderungen infolge der alternden Bevölkerung auf.

„Eine Krankenhausreform 2024 muss den demografischen Tsunami zwischen 2035 und 2050 im Blick behalten, um den zu erwartenden dramatischen Anstieg von Patienten jenseits des achtzigsten Lebensjahres in funktionierenden Netzwerken zu bewältigen“, so Dr. Ulf Dennler.

Datenexpertin und Gesundheitsökonomin sowie Geschäftsführerin des Reimbursement Institute, Nicole Eisenmenger, simulierte die in der wissenschaftlichen Untersuchung des Regierungspapiers verwendeten Datenbanken nach. Sie sagt: „Die öffentlich zugängliche Datenmenge zur Krankenhauslandschaft in Deutschland basiert grundsätzlich auf Behandlungsfällen, so dass ein Rückschluss auf den Faktor „Mensch“ eine tiefe Kenntnis des Systems und der Datenerhebung voraussetzt. Die Nutzung diverser Informationsquellen ist daher unerlässlich, um valide Aussagen treffen zu können.“

Nach Präsentation der Ergebnisse mitsamt auszugsweiser Darstellung des Analyseprozesses hinter der „kritischen Würdigung“ der fünften Stellungnahme diskutieren die Teilnehmer über den Anpassungsbedarf für den Referentenentwurf bei der Krankenhausreform, um die geforderten Ziele Entökonomisierung, qualitativ hochwertige Daseinsvorsorge und Entbürokratisierung zu erreichen.

In einer Echtzeitsimulation bildete Dr. Dirk Elmhorst, Facharzt für Chirurgie und Geschäftsführer der MEDIQON GmbH, die finanzielle Auswirkungen der Zuteilung der vorgesehenen Leistungsgruppen auf die Krankenhäuser bundesweit nach. „Ich kann nicht erkennen, wie sich durch die geplante Krankenhausreform die prekäre finanzielle Situation der Krankenhäuser verbessern kann. Das erscheint mir nur möglich, wenn eine größere Zahl an Krankenhäusern geschlossen wird. Ich gehe davon aus, dass dies auch allen Akteuren bewusst ist, aber keiner sich traut es offen auszusprechen“, so Dr. Dirk Elmhorst.

Hintergrund der wissenschaftlichen Überprüfung ist die vom Bundesministerium für Gesundheit geplante grundlegende Umgestaltung der Krankenhauslandschaft und der -finanzierung. Dabei lässt es sich entsprechend des Koalitionsvertrages von einer Regierungskommission beraten. Diese Kommission hat mittlerweile fünf Empfehlungen verabschiedet.
Die vollständige „Kritische Würdigung der Analyse der Regierungskommission zur Verbesserung von Qualität und Sicherheit der Gesundheitsversorgung“ finden Sie hier

Quelle:

DGfM


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