Warum KI-Diagnostik bei Lebererkrankungen nur in Unikliniken ankommt

KI-Algorithmen von Roche erkennen Lebererkrankungen früher als klassische Diagnostik, doch fehlende EBM-Vergütung begrenzt den Einsatz auf finanzstarke Unikliniken…

20. August 2026
  • Data und KI
  • Digitale Klinik
  • Ökonomie

Diagnostische Algorithmen können Risikopatienten mit Lebererkrankungen früher identifizieren als bisher übliche Verfahren, doch das deutsche Vergütungssystem hat für diese Produktkategorie noch keine Antwort gefunden. Das zeigt das Beispiel der Navify Algorithm Suite von Roche Diagnostics Deutschland.

Das Unternehmen bietet drei aufeinander aufbauende Algorithmen für verschiedene Stadien der Lebererkrankung an: Der FIB-4-Score liefert einen ersten Frühwarnwert, Elecsys PRO-C3/ADAPT unterstützt die Beurteilung einer Leberfibrose, und GAAD soll ein Leberzellkarzinom früher erkennen als der bisherige Biomarker AFP allein. Die Algorithmen werden im bestehenden Order-Entry-System wie gewöhnliche Laborwerte angefordert und in der Cloud ausgewertet. Das Labor Berlin an der Charité war nach Unternehmensangaben zweieinhalb Wochen nach Vertragsunterzeichnung live.

Trotz geringer technischer Hürden bleibt der Rollout eng begrenzt. Aktuell nutzen rund zehn bis elf Universitätskliniken sowie einige größere Privatlaborketten die Suite. GAAD wird nach Unternehmensangaben 500 bis 600 Mal pro Quartal abgerufen, Elecsys PRO-C3/ADAPT bei 8.000 bis 10.000 Patienten pro Quartal – jeweils nur an Standorten, die das System bereits eingeführt haben.

Der Grund für die begrenzte Verbreitung liegt im Vergütungsrecht. Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) sieht für die algorithmische Interpretation vorhandener Laborwerte keine eigene Position vor. Roche stellte im August 2023 einen Antrag beim Bewertungsausschuss des G-BA, doch mehr als zwei Jahre später steht eine Entscheidung noch aus. Ohne anerkannte Vergütung finanziert Roche das Modell über ein Pay-per-Klick-System, das nach eigenen Angaben möglicherweise über die Reagenzvergütung quersubventioniert werden soll.

Kleinere, kommunale und ländliche Krankenhäuser bleiben bislang außen vor. Für deren Patienten bedeutet das weiterhin Wartezeiten von sechs bis zwölf Monaten auf einen Termin in einer spezialisierten Leberambulanz.

Quelle:
kma-online.de

Medinfoweb
Die etablierte Informationsplattform für Informatik, Ökonomie, Marketing und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen.

Gebündelt, stets aktuell und immer handverlesen werden alle Neuigkeiten gesammelt und anwenderbezogen aufbereitet.